Abitur am ältesten Abendgymnasium Deutschlands

Welche Herausforderungen sind heute zu meistern?

20.04.2009 Benjamin Bollig

Abitur machen Menschen aus unterschiedlichsten Gründen nach. Einige haben keine Ausbildung, andere machen es, um beruflich aufzusteigen. Doch wo liegen die Probleme?

Vom Tauchlehrer bis zum Software-Entwickler: Wer abends gegen Viertel nach sechs in die Blissestraße 22 in Berlin eilt, hat ein gemeinsames Ziel: das Abitur nachzuholen. Ein Kinderspiel ist das für die meisten nicht.

Die größten Probleme während des Schulbesuchs seien die Organisation von Privatleben, Beruf und Schule sowie die daraus resultierenden Mehrfachbelastungen, sagt Herr Melde, stellvertretender Schulleiter an der Peter A. Silbermann-Schule, dem ältesten Abendgymnasium Deutschlands. Melde kann sich etwa an eine Schülerin erinnern, die nicht wusste, wer zur Unterrichtszeit ihr kleines Kind betreuen sollte. Sie schaffte ihr Abitur nur durch die Unterstützung ihrer Mutter, die zeitweilig jeden Tag aus Lübars anreiste, um sich während des Unterrichts um das Enkelkind zu kümmern.

Andere Schüler unterbrechen den Schulbesuch: Maximal ein Jahr lang ist das möglich. In Ausnahmefällen, bei Krankheit zum Beispiel, können Schüler auch bis zu zwei Jahre lang unterbrechen. Wichtig sei, sich nicht von frustrierenden Erlebnissen abbringen zu lassen und seine Ausdauer zu bewahren.

Abendgymnasium im Wandel der Zeit

Die größten Herausforderungen stellen heute flexible Arbeitszeiten und die unterschiedlichen Sozialstrukturen dar. Um längeren Arbeitszeiten oder fehlender Kinderbetreuung zu begegnen, gibt es erste Schritte in Richtung E-Learning. Die Schüler werden durch ein neu eingerichtetes System namens "lo-net2" über das Internet unterstützt. Jungen Müttern dagegen wäre wohl am besten geholfen, wenn sie – wie in manchen Bundesländern möglich – den Unterricht am Vormittag besuchen könnten. Um Schülern mit Migrationshintergrund den Lernweg zu erleichtern, wird in den Vorkursen „Deutsch als Zweitsprache“ im Modulunterricht angeboten: Den können die Schüler vierteljährlich wechseln. Er hilft dabei, Schwächen in Mathematik, Englisch oder Deutsch auszugleichen.

An den Vorkurs schließt sich die Einführungsphase an. Wer direkt in der einjährigen Einführungsphase beginnen möchte, braucht allerdings mindestens den Realschulabschluss und muss zwei Fremdsprachen beherrschen.

Wer bereits einmal in der Schule in die gymnasiale Oberstufe versetzt wurde, kommt am schnellsten zum Abschluss. Die klassischen Abi-Abbrecher können nämlich direkt in der Qualifikationsphase einsteigen, sofern sie die beruflichen und sprachlichen Vorraussetzungen erfüllen.

Wer arbeitslos ist, muss sich keine Sorgen über das Arbeitslosengeld machen. Da es sich um Erwachsenenbildung handelt, die neben dem Beruf stattfindet, ist der Besuch des Abendgymnasiums kein Hinderungsgrund für den Erhalt von Arbeitslosengeld I oder II. Wer seine Arbeitszeit reduziert, kann unter Umständen vom zweiten Semester an Schüler BAföG erhalten.

Woher kommt die Idee eines Abendgymnasiums?

81 Jahre Erfahrung mit abendlicher Erwachsenenbildung stecken im Berliner Abendgymnasium. Der Namensgeber, Peter Adalbert Silbermann, gründete 1927 dieses erste Abendgymnasium Deutschlands. Erwachsene sollten nach der Arbeit das Abitur nachholen können, so die Idee, die er aus New York importierte. Dort sammelte er im Auftrag des preußischen Schulministeriums während eines Jahres an der Evening High School in New York Erfahrungen aus der Erwachsenenbildung. 1930 hielten dann die ersten Berliner Schüler ihr Abiturzeugnis in den Händen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden Silbermann und einige andere jüdische Lehrer fristlos entlassen. Silbermann wanderte noch im selben Jahr aus – und starb 1944 im Exil. Seine Schule bestand jedoch bis 1945 weiter und nahm 1950 in der Blissestraße ihre Arbeit wieder auf.

Doch warum sollte man das Abitur an einem Abendgymnasium nachholen, wenn an jeder Litfass-Säule Fernschulen wie ILS oder GLS mit dem individuellen Weg zum Abi werben? Die meisten Schüler beantworten diese Frage damit, dass sie gerade das Lernen in Gruppen als großen Vorteil ansehen. Aus der Sicht der Schulleiterin, Frau Grüner, gibt es gegenüber Fernlerngängen auch den großen Vorteil, dass sich Schüler gegenseitig helfen und motivieren können. Zudem werde von einem Schüler in einem Fernlerngang wesentlich mehr Disziplin abverlangt – und schließlich ist das Abendgymnasium kostenlos.

Wer die Abiturprüfung nicht besteht, kann sie übrigens einmal wiederholen. Und wenn alle Stricke reißen, kann man sich vom Senat den schulischen Teil des Fachabiturs nach Klasse 12 bescheinigen lassen. Der Schulbesuch war also selbst dann nicht vergeblich.

Informationen zum Abitur im Zweiten Bildungsweg

Weitere Informationen über das Bildungsangebot des Abendgymnasiums Peter-A.-Silbermann gibt es auf der Schulwebseite. Eine Übersicht über die Abendgymnasien in Deutschland und die Förderung durch Schüler BAföG findet man auf der Internetseite des Vereins Bundesring der Abendgymnasien.

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